Aus der Geschichte von
Dinglingen
Zusammengetragen
von Roland Kopf
Dinglingen –
heute ältester Stadtteil von
Lahr – liegt auf
prähistorischem Siedlungsboden mit Einzelfunden aus keltischen
Wohnplätzen. Für die römische Vergangenheit Dinglingens steht
vor allem die große Straßensiedlung rechts und links der heutigen
Freiburger Straße im Dinglinger „Mauerfeld“, wo umfangreiche
Ausgrabungen stattfanden mit teilweise spektakulären Ergebnissen (Brunnen
und deren Inhalt!) Nach der
römischen Besetzung des rechtsrheinischen Gebietes, entstand um 70 n. Chr. dieser römische
vicus in Dinglingen, wo
hauptsächlich Gebrauchskeramik (so genannte „Dinglinger Ware“)
hergestellt wurde, die damals im Raum zwischen dem heutigen Riegel und
Offenburg ihre Abnehmer fand. Es wurden auch Metall und Agrarprodukte
verarbeitet und Mahlsteine hergestellt. Die Archäologen gehen –
aufgrund ihrer Ausgrabungen – davon aus, dass zu dieser Zeit diese
römische Siedlung zu 70 % von Kelten und zu 30 % von Zuwanderern aus
unterschiedlichen Provinzen des römischen Reiches und auch aus Veteranen
römischer Legionen bewohnt war. Einzelne Alemannen dürften zu dieser
Zeit sich auch schon hier aufgehalten haben. Um 260 n. Chr. wurde nach massiven
Einfällen der Alemannen diese römische Siedlung, deren Namen leider
bis heute nicht bekannt ist, aufgegeben. Die Römer zogen sich auf
linksrheinisches Gebiet zurück und die Alemannen, unsere Vorfahren, siedelten sich am Südhang des
Schutterlindenbergs in respektablem Abstand von der Schutter an. Als Villa Tuntelinga wurde Dinglingen 961 n. Chr. durch
Kaiser Otto I. erstmals
urkundlich erwähnt. Der Name soll von Tuntilo
kommen (Angehörige des Alemannen Tuntilo), der sich mit seinen Leuten als
Siedlungsgründer nach 260 n. Chr. hier niedergelassen hat. Die Alemannen,
sie kamen aus dem Elbe/Saale-Gebiet, bevorzugten Holzhäuser mit Fachwerk
aus Holz, Lehm und Stroh. Die Natur nahm die römische Siedlung, die nicht
mehr gebraucht wurde, wieder in ihren Besitz. Es sollte an die 1000 Jahre
dauern, bis wieder eine vergleichbare Infrastruktur (Straßen) wie zur
Römerzeit hier anzutreffen war.
Um 476 n. Chr. wurden, nach Errichtung
des Frankenreiches in
Gallien durch
Chlodwig, die
Alemannen durch die Franken
von Norden her nach Süden abgedrängt und zu einer fränkischen
Provinz unter Chlodwig. Die alemannische Sprachgrenze zum fränkischen
Dialekt verläuft bis heute an den Flüssen Murg und Oos im Mittelbadischen.
Die Alemannen, auch in Dinglingen, fühlten sich wohl von ihren
germanischen Göttern im Stich gelassen und haben auf Veranlassung von
Frankenkönig Chlodwig, der selbst wohl eher aus Berechnung zum
christlichen Glauben übergetreten war, durch iro-schottische Einsiedler
und Mönche nach und nach ab dem 6. Jahrhundert den christlichen Glauben
angenommen. Dabei wurden jedoch bestimmte germanische Sitten und
Gepflogenheiten wie Winteraustreibungen,
Scheibenschlagen,
Sonnwendfeiern und dgl.
beibehalten und werden teilweise noch bis heute ausgeübt. Mitte des 11.
Jahrhunderts entsteht die alte Kirche in Dinglingen (Bischof Erkenbold von
Tundelingen) inmitten des gemeinsamen Dinglinger und Mietersheimer Friedhofs
(Kirchhof).Davor gab es vermutlich eine Begräbnisstätte im Gewann
Gottsacker. Dinglingen gehörte, wie später auch Lahr, zum
geroldseckischen Herrschaftsbereich.
Kam dann 1277 zur Herrschaft Lahr-Mahlberg. Diese ging 1426 an die Herrschaft
Mörs-Saarwerden
über, die wiederum 1522 in den Besitz des Hauses
Nassau kam. Lahr-Mahlberg
war jedoch von den Herren von
Mörs-Saarwerden zur
Hälfte bereits 1422 an die
Markgrafschaft Baden
verpfändet und 1497 verkauft worden, so dass Dinglingen lange Zeit
gleichzeitig zwei, vorübergehend durch Weiterverpfändung sogar drei
Landesherren hatte.
Im
Jahr 1525 marschierten die
Dinglinger Bauern mit den Lahrern und jenen aus den umliegenden
Ortschaften zu den Klöstern nach Schuttern, Ettenheimmünster,
Tennenbach, später auch nach Freiburg um vor allem ihre Leibeigenschaft
los zu werden. Die Zerstörung der Klöster änderte jedoch nichts
an der Leibeigenschaft und nichts an Fron und Zehnten. Die
Reformation kündigte
sich an und in ihrem Gefolge die verheerenden Religionskriege. Katholische
Geistliche waren nachweislich bis 1537 in Dinglingen tätig. Die
Entscheidung zugunsten der Reformation brachte das Jahr 1558, als die
Häuser Nassau und
Baden die Einführung der
Reformation in der Herrschaft Lahr-Mahlberg, so auch in Dinglingen,
beschlossen, nach dem reichsgesetzlichen Grundsatz: „Der Landesherr
bestimmt die Religion“ des Augsburger Religionsfriedens 1555. Die
Wiedereinführung der katholischen Lehre scheiterte am Widerstand der
evangelischen Grafen von Nassau. Der Religionszwist blieb jedoch bestehen.
Mittlerweile brach 1618 der
30-jährige
Krieg aus, der bis 1648 andauern sollte. Mit Zustimmung des Kaisers
verblieb 1629 dem evangelischen Grafen von Nassau die Herrschaft Lahr mit den
Orten Dinglingen, Lahr, Mietersheim , Hugsweier und Altenheim, somit konnten
die Bewohner weiterhin protestantisch bleiben.
Die
schwerste Zeit für Dinglingen während des 30-jährigen Krieges
war die Zeit von 1632-1648. Dabei häufige Flucht der Einwohner mit aller
Habe in die Wälder oder auf die Rheinschollen (Inseln im Rhein). Am
24.März 1642 Austausch des schwedischen Feldmarschalls
Gustav
Horn und des bayerischen Reitergenerals
Jan de
Werth, im Volksmund auch „Schwarzer Hans“ genannt, auf der
Zollbrücke am Hirschplatz in
Dinglingen. Im Jahr 1667 wurde erstmals ein kleines Haus auf dem Kirchhof als
Schulraum mit Wohnung eingerichtet.
Am
15. September 1677 wurde Dinglingen und Lahr durch den französischen
General
Créqui in Schutt und Asche gelegt,
anschließend durch die kaiserliche Entsatzarmee vollends
ausgeplündert.
Während
den französischen Kriegen waren im Jahr 1694 die Pferde eines 1000 Mann
starken Heeres in der Kirche und in Häusern und Scheunen eingestellt. Die
Bewohner waren wieder einmal geflohen. Mehr als hundert der Pferde waren wohl
aus Hunger und Krankheiten verendet. Nachdem das Militär weiter gezogen
war, musste in aller Eile die Kirche und die Behausungen von den Kadavern und
dem Gestank gesäubert werden. Die verwesenden Tiere und der übrige
Unrat wurden vor das Dorf in die Hafenlöcher (Lettlöcher) heute
Römerstraße geschleppt und dort eingegraben. Am 8. August 1727
brannte die Gemeine Stube (Rathaus, Gemeindestube, ältestes Wirtshaus)
gegenüber Gasthaus Sonne ab. 1781 – 1787 Erbauung der ev.
Martinskirche anstelle der baufällig gewordenen alten Kirche. 1790 entstand
innerhalb der Gemarkung Dinglingen die Siedlung Langenwinkel (alt). 1797 wurde
Langenwinkel von Dinglingen abgelöst und zur eigenen Gemeinde erhoben. Im
Jahr 1803 fiel die nassausche Herrschaft Lahr mit Dinglingen den vereinigten
badischen Markgrafschaften zu.
Während
den napoleonischen
Kriegen von 1805-1815 zogen u. a. auch Russen und Kosaken plündernd
durch Dinglingen. Die Russen schleppten das Nervenfieber mit ein. Im Monat
Januar 1814 starben allein in Dinglingen 43 Personen.
Am
1. August 1845 Eröffnung der Teilstrecke Offenburg – Freiburg der
Großherzoglichen Eisenbahn mit Bahnhof Dinglingen, Baden. Auswirkungen:
Initialzündung zu Eingemeindungsbestrebungen der Stadt Lahr, Posthalterei
des Posthalters Bär in der Offenburger Straße muss ihren Betrieb
einstellen. Beginn der Wiederansiedelung katholischer Mitbürger.
Einrichtung des heutigen Friedhofs Dinglingen durch die Gemeinde Dinglingen.
1865
Bau der
Stichbahn
Dinglingen, Baden – Lahr Stadt in privatgesellschaftlicher Form mit
einem einstöckigen Stadtbahnhof. 1875 Bau des Schulhauses in der
Dinglinger Hauptstraße, bis dahin Schulhaus nordöstlich der
Martinskirche. 22.09.1894 Inbetriebnahme der Kleinbahn Rhein – Ottenheim –
Dinglingen – Lahr - Reichenbach 1895 bis Seelbach. Bis 1901 niveaugleiche
Überquerung der Rheintalbahn im Verlauf der Alten Rheinstraße. 1902
Erbauung des ehemaligen Dinglinger Rathauses im repräsentativen „Nürnberger
Stil“. 1907 – 1909 Neugestaltung der Bahnhofsanlagen der Stationen
Dinglingen/Baden und Lahr/Stadt.
1908 Bau der Zentralen Wasserversorgung
(Wasserleitungen).
Im
Jahr 1909 Einführung der Elektrizität.
Am
2. Advent 1911 zum 1. Mal heilige Messe in der neu erbauten katholischen Kirche
Heilig Geist in Dinglingen gehalten von Pfarrkurat Göbel von Altenburg bei
Schaffhausen.
In
den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkte Bestrebungen der
Stadt Lahr nach Eingemeindung der selbstständigen Gemeinde Dinglingen.
Verhandlungen waren geprägt von beiderseitigem Misstrauen und
überzogenen Forderungen. Eine einvernehmliche Lösung konnte nicht
erreicht werden. Nach Errichtung der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft
wurde auf der Grundlage des Reichsgesetzes zur Gleichschaltung der Länder
mit dem Deutschen Reich vom 31.03.1933
mit Gesetz vom 29.07.1933 die bisher selbständige Gemeinde
Dinglingen mit der Stadt Lahr auf deren Antrag zwangsvereinigt. Nachdem eine
Vereinbarung zwischen der Stadt Lahr und der mit ihr zwangsvereinigten, bisher
selbständigen Gemeinde Dinglingen über die näheren
Vereinigungsbedingungen aufgrund §3 des Gesetzes vom 29.07.1933 innerhalb von
nur 2 Monaten nicht zustande gekommen war, wurden die Vereinigungsbedingungen
vom Minister des Innern am 19.10.1933 festgesetzt. Der letzte
Bürgermeister der Gemeinde Dinglingen, Bruno Hofmann, wurde von den
Nationalsozialisten
abgesetzt. Das Ende der
Demokratie im
Deutschen Reich im
Jahr 1933 ist zugleich auch das Ende der Gemeinde Dinglingen.
Das
Wappen der ehemaligen Gemeinde Dinglingen entstand erst im Jahr 1900 in
Anlehnung an die fortschreitende Industrialisierung auf Vorschlag des
Generallandesarchivs
in Karlsruhe und zeigt in der linken Hälfte auf silbernem (weiß) Feld ein
halbes schwarzes Zahnrad am Spalt
und in der rechten Hälfte auf blauem Feld eine goldene (gelb)
Kornähre mit drei Fruchtköpfen. Im Mittelalter gab es ein Wappen und
Siegel mit Krone, darunter ein Rebmesser und Senseneisen als Sinnbild eines
Dorfes, geprägt durch Landwirtschaft und Weinbau. Ab 1573 wurde dieses
Wappen nachweislich auch als Gemeindesiegel verwendet, bis es 1899 vom
Großherzogl. Badischen
Generallandesarchiv für unzulässig erklärt wurde.
Die Gemarkung Dinglingen, die heute zur Stadt Lahr gehört, umfasste einst rund 1164 Hektar. Davon waren 481 Hektar Äcker, 402 Hektar Wiesen und Raine, 77 Hektar Wald, 35 Hektar Rebland, während der Rest auf bebaute Grundstücke, Gärten, Straßen, Flussläufe u. dgl. entfiel.